Predigt 3. Sonntag nach Epiphanias – 24. Januar 2021
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen Liebe Gemeinde, die christliche Botschaft macht nicht vor Volks- und Landesgrenzen Halt. Sie gilt ausnahmslos allen Menschen. (Darum geht es am dritten Sonntag nach Epiphanias.) Bereits Jesus und seine Jünger haben sich den Nachbarn des Volkes Israel zugewandt, haben Ausländer geheilt und mit Samaritanern debattiert. Auch Jesu Ahnen sind international wie die Moabiterin Rut, die mit ihrer Schwiegermutter in fremdes Land zog und ihre Religion annahm. Gottes Liebe kennt keine Grenzen – bezeugen die Apostel und Propheten. So wird auch das Reich Gottes bunt und vielsprachig sein. „Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes“ (Lk 13,29) Als Predigttext für den heutigen Sonntag ist das erste Kapitel des Buches Rut vorgesehen. Im Buch Rut wird erzählt, wie mit den unterschiedlichen Migrations-Erfahrungen einer aus verschiedenen Kulturen stammenden Familie menschliches Zusammensein wichtiger ist als die Rückkehr in eine fremd gewordene Heimat. Von den 906 Seiten des Alten Testaments in meiner Ausgabe füllt diese kleine Schrift ganze 4. Es ist eingeordnet in die geschichtlichen Bücher: Vorher lesen wir im Buch der Richter über die Zeit vor dem Königtum Israels, danach in den beiden Büchern Samuel über die Entstehung des Königtums und den Aufstieg und die Königszeit Davids. Die Einordnung des Büchleins Rut an dieser Stelle ist begründet, weil Rut letztlich eine besondere Bedeutung als Urgroßmutter des Königs David bekam. Doch wir werden sehen, dass diese geschichtliche Einordnung nicht der einzige Aspekt dieses kleinen Büchleins ist. Besonders das Leben von Flüchtlingen mit all ihren Gedanken und Gefühlen und Unwägbarkeiten steht mir vor Augen. Ich möchte die Geschichte des ersten Kapitels des Buches Rut erzählen: Dieses Anfangskapitel beginnt mit einem schreienden Widerspruch: eine Hungersnot quält die Menschen im verheißenen Land, dem Land, in dem angeblich Milch und Honig fließen. Dieser Gegensatz wird noch verschärft durch den Namen des Ortes, der hier Ausgangspunkt und Ziel ist: Bethlehem, übersetzt „Haus des Brotes“. Hungersnot im Haus des Brotes… Der Name dieser kleinen Stadt im Süden, ist in beiden Teilen der christlichen Bibel mit so vielen Hoffnungen verbunden, Hoffnungen auf den Gesalbten, den Messias, den Christus, der Israel und die Völker erlösen und befreien wird aus aller Not, der Geburtsort Davids und des wichtigsten Nachkommens Davids, Jesus. Der Name Bethlehem steht damit auch für die materielle Seite der Hoffnungen, die sich mit David und Jesus verbinden. In unserer Geschichte führt die Hungersnot zur Flucht, ins Exil. Eine kleine Familie aus Bethlehem flieht nach Moab. Moab ist in der Bibel keine gute Adresse. Die Menschen in Israel ließen keine Gelegenheit aus, sich über die Moabiter zu erheben. Auf den Neffen Abrahams, Lot, wird dieser ungeliebte FamilienStamm zurück geführt. Verwandtschaft kann man sich nicht aussuchen, sie aber verachten. Doch die Hungersnot treibt sogar ins verhasste Nachbarland. Unsere Geschichte wirkt zunächst wie eine Heilung. Die Familie aus Bethlehem findet Aufnahme bei den entfernten Verwandten und Nachbarn, und die Söhne finden Frauen. Doch die Leser und Hörer sind gewarnt. Während die Namen der Eltern verheißungsvoll klingen – Elimelech: mein Gott ist König;Naomi: die Anmutige – deuten die Namen der Söhne bereits Unheil an: bei Machlon schwingt deutlich Krankheit mit: „der Schwächliche“, bei Kiljon sogar Zerstörung: „der Gebrechliche“. Naomis Mann und ihre beiden Söhne sterben, sie bleibt mit ihren moabitischen Schwiegertöchtern zurück und wird zum Bild Israels ohne Zukunft und Hoffnung im Exil. Naomi entschließt sich, nach Bethlehem zurückzukehren, beide Schwiegertöchter wollen mitgehen. Die eine, Orpa, lässt sich von den drastischen Worten Naomis über ihre hoffnungslose Situation überzeugen und kehrt unter Tränen zurück nach Hause; der Name Orpa wird mit „die Umkehrende“ übersetzt. Die andere Schwiegertochter, Rut, lässt sich auf den Weg mit ihrer israelitischen Schwiegermutter ein. Ihr ist klar, dass ihr beharrliches Mitgehen mit Naomi, ihre hartnäckige Liebe und Treue nicht nur ihre Privatsache ist, sondern eine religiöspolitische Entscheidung als Zeichen der Freundschaft mit dem Volk Israel. Den Namen Rut kann man mit „Freundschaft“ übersetzen. Rut sagt ihrer Schwiegermutter: „Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will auch ich hingehen; wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.“ (Rut 1,16f.) Rut sieht in ihrer Geschichte mit Naomi zugleich eine mit dem Volk Israel und damit auch eine mit dem Gott dieses Volkes. Und sie geht eine Lebensbindung mit diesem Volk und diesem Gott ein: nur und erst der Tod soll sie trennen. Menschliches Zusammensein ist Rut wichtiger als die Rückkehr in eine fremd gewordene Heimat. Doch Naomi kehrt ja – in Begleitung ihrer Schwiegertochter – zurück in ihre Heimat Bethlehem. In der Beschreibung dieser Rückkehr lesen wir zwei Verse, die auch heute das Herz zerreißen können: Rut 1,19-20 „So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen. Und als sie nach Bethlehem hineinkamen, erregte sich die ganze Stadt über sie, und die Frauen sprachen: Ist das die Naomi? Sie aber sprach zu ihnen: Nennt mich nicht Naomi, sondern Mara; denn der Allmächtige hat mir viel Bitteres angetan.“ Der Name Mara wird mit Bitterkeit übersetzt. Nach Jahren zurückkehren in das früher gewohnte Umfeld: Gedanken und Sichtweisen haben sich geändert. Es passt wohl nicht mehr zusammen, was einst zusammen gehörte. Die Einschätzung, sie sollte besser Mara genannt werden, ist wohl auch entstanden durch die bittere Erfahrung, im eigenen Umfeld nach der langen Abwesenheit nicht mehr dazu zu gehören. Die weitere Geschichte des Buches Rut wird in den Kapiteln 2 bis 4 entwickelt und erzählt, wie Rut von einer einfachen Landarbeiterin auf den Feldern des Boas zu dessen Frau wird und ihre und Naomis wirtschaftliche Absicherung damit geklärt wird. Rut bringt einen Sohn zur Welt, dessen Sohn wiederum David zeugt. So ist Rut, die Fremde aus dem Stamm der Moabiter, die Urgroßmutter des bedeutenden Königs David. Doch es kann im Buch Rut nicht nur darum gehen, Rut in die Ahnenreihe des Königs David einzuordnen – möglicherweise ist dieser Zusatz anfangs gar nicht Bestandteil des Buches – ,sondern es werden gerade im ersten Kapitel Probleme der Migration deutlich erörtert, die mit Überlebenskämpfen von Frauen in einer männlich bestimmten Welt zusammen hängen. Und die Ehe zwischen Boas und Rut kann als Vorbild für viele heutige Ehen gelten, in denen verschiedene nationale und kulturelle Hintergründe zusammen kommen. Die im Alten Testament zunächst zu lesende Selbstverständlichkeit von sog. Mischehen war nicht zu jeder Zeit selbstverständlich; so ist das Buch Rut sicher auch als Schrift für solche grenzüberschreitenden Verbindungen zu interpretieren. Das Thema Migration ist auch heute aktuell. Viele Menschen in unserer Umgebung und auch unter uns haben Erfahrung mit Migration. Verschiedene Hintergründe haben die persönliche Bewegung ausgelöst: Kriege und Diktaturen, Hoffnung auf bessere wirtschaftliche Situation und Arbeit, Partnerschaft oder auch die Suche nach neuen Lebens-Ufern. In dieser Migrations-Bewegung kommen dann Fragen auf wie diese: Wie begegne ich einem Fremden – einem oder einer, die fremd aussieht oder eine fremde Sprache spricht? Wie fühle ich mich in einem Land, in dem ich anfangs wenig verstehe? Welche Erfahrungen sind mir wichtig im fremden Land? Wie gastfreundlich bin ich und welche Gastfreundschaft nehme ich an? Wie nehme ich einen „Rückkehrer“ auf und wie fühle ich mich, wenn ich zurückkehre in mein altes Umfeld? Möchte ich überhaupt zurückkehren? Wie gehe ich um mit den kulturellen und religiösen Eigenheiten meines neuen Umfelds – oder wie respektiere ich die religiösen und kulturellen Gewohnheiten der Gäste bei mir zu Hause? Diese Reihe von Fragen ist keineswegs vollständig, möchte aber anregen, weitere Fragen in diesem Zusammenhang zu bedenken. Auch Jesus kannte die Erfahrung des Fremd-Seins. Als kleines Kind mitgenommen nach Ägypten, später der eigene Weggang aus dem familiären Umfeld; die Erkenntnis, dass die Rückkehr in die Heimatstadt vielfältige und nicht nur positive Emotionen auslöst. Im Blick auf die Gemeinschaft mit Fremden möchte ich die Gedanken zum Buch Rut ergänzen durch das Wort Jesu, das der Evangelist Matthäus in der Bergpredigt aufschrieb (Mt 7,7- 8.12): „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ Amen Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen eg 293,1-2 Lobt Gott, den Herrn, ihr Heiden all..
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