Predigt Reminiscere 28. Februar 2021 – Lk 5,1-11 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen. Liebe Gemeinde, seit vielen Jahren fasziniert mich immer wieder eine besondere Person der Bibel: Der Apostel Petrus. Dieser Fischer hieß eigentlich Simon und bekam von Jesus den Beinamen Petrus, das bedeutet „der Fels“. Von Petrus wird uns in den Evangelien berichtet, wie er versucht, sich ganz auf Jesus einzulassen, wie seine Freundschaft zu Jesus von Vertrauen und Verlässlichkeit geprägt ist. Aber wir lesen auch davon, wie Petrus zweifelt und Angst bekommt, wie er sogar seine Freundschaft zu Jesus verleugnet. Doch Jesus hat dem Petrus immer wieder die Möglichkeit zum Neu-Anfang gegeben. Trotz aller Durststrecken und Enttäuschungen hat Jesus zu seinem Freund Petrus gestanden; in Petrus ist sozusagen die Grundlage der Kirche abgebildet – mit Vertrauen und Versagen. Gerade darum fühle ich mich mit Petrus verbunden. Eine Petrus-Geschichte möchte ich heute in der Predigt bedenken. Es ist die Geschichte aus dem Lukas-Evangelium, in der die Freundschaft zwischen Jesus und Petrus beginnt; diese Geschichte gehört zu den bekanntesten biblischen Geschichten überhaupt: Lk 5,1-11 Der Fischzug des Petrus (Mt 4,18-22; Mk 1,16-20) 1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu Jesus drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth 2 und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. 3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. 4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! 5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen. 6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. 7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. 8 Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. 9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, 10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. 11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach. Liebe Gemeinde, diese Geschichte enthält die extremen Emotionen von Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit einerseits und Vertrauen und Ermutigung anderseits. „Wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen“ – Enttäuschung, Frustration, Hoffnungslosigkeit… Ich sehe die kleinen Fischerboote in den kretischen Häfen und die oftmals wenigen Fische, die nach der Rückkehr verkauft werden – ich kann gut verstehen, dass ein völlig erfolgloser Fischzug sehr schnell die wirtschaftliche Existenz infrage stellt. Und auf der anderen Seite sehe ich die Aktivität und Bewegung angesichts des überbordenden Fangs, der dazu führt, auch andere Menschen für diesen Freund Jesus zu begeistern, der so viel Lebens-Perspektive gibt. Ich möchte die Entwicklung, die Bewegung dieser Geschichte nachvollziehen.Nimmt man noch einige Zeilen hinzu, die vor dieser Geschichte im Kapitel 4 des Evangeliums nach Lukas stehen, dann merkt man, dass Jesus gar nicht so überfallmäßig auf Petrus zugekommen ist. Der Weg in die Nachfolge, die Berufung vom Fischer zum Menschenfischer geschieht gar nicht so plötzlich, wie es scheint. Es ist eine Geschichte in drei Teilen. Und das zeigt mir: Jesus ist sorgfältig in seiner Wahl. Er nähert sich auch langsam an und lässt es geschehen, dass auch wir uns ihm langsam nähern. Blicken wir nun auf die drei Teile der Annäherung zwischen Jesus und Petrus: Der erste Teil der Annäherung wird im Kapitel vorher erzählt. Jesus ist in Kapernaum. Er ist in der Synagoge. Dort lehrt er und heilt Kranke. Und anschließend daran geht er in das Haus des Petrus. Es wird nicht ausdrücklich gesagt, dass Petrus zu Hause war. Vielleicht war er es – denn als Jesus einen Tag später am See zielgerichtet auf das Boot des Petrus zugeht und Petrus ihn hinausfährt, scheint es, als ob doch schon eine Bekanntschaft vorliegt. Viele sind da versammelt im Haus des Petrus. Sie sind besorgt, weil es der Schwiegermutter des Petrus nicht gut geht. Deshalb bitten sie Jesus, er möge doch etwas für die Schwiegermutter tun. Jesus geht auf die Schwiegermutter zu, und daraufhin geht das Fieber weg. Das ist Teil eins der Geschichte zwischen Jesus und Petrus. Berichtet wird kein Wortwechsel zwischen beiden. Eine Annäherung von ferne. Petrus nimmt wohl wahr, dass Jesus seiner Schwiegermutter Gutes getan hat. Und Jesus nimmt wahr, dass Petrus ein offener Gastgeber ist. Denn er darf bleiben. Er bleibt und macht das Haus zu einer Art Gesundheitsstation. Denn als es Abend wird, bringen viele Menschen ihre Kranken zu ihm. Petrus wird davon nicht mehr viel mitbekommen haben. Denn er musste zum Fischen hinaus fahren über Nacht. Der zweite Teil der Geschichte von Jesus und Petrus beginnt am frühen Morgen. Da ist eine große Menge, die von Jesus etwas hören will. Diese Menge bedrängt ihn, und in seinem Rücken liegt der See. Deshalb geht Jesus auf Petrus zu, dessen Boot neben einem anderen am Ufer liegt, und bittet ihn, ein wenig hinaus zu fahren. Petrus kommt der Bitte nach. Er fährt Jesus ein Stück vom Ufer ab. Sein Boot wird zu einer schwimmenden Kanzel. Ich finde, das ist ein schönes Bild. Dort im Boot Jesus, der predigt, dessen Worte über das Wasser getragen werden zu der Menge am Ufer, die aufmerksam lauscht. Und was hat Petrus gemacht während dieser Zeit? Er wird gemacht haben, was seine Aufgabe ist: das Boot auf Kurs halten, für die Sicherheit sorgen für das Schiff und für den Mann, der predigt. Aber was man vielleicht erwarten würde: dass die Worte Jesu auch ihn betroffen haben, dass er ganz aufmerksam war und ganz Ohr, dass er die Erkenntnis des Lebens oder Trost und Weisheit aus der Rede bezieht, davon erzählt die Geschichte nichts. Die Predigt Jesu geschieht für Petrus wohl eher nebenbei, so wie wir nebenbei Radio hören, während wir mit unseren eigenen Gedanken beschäftigt sind. Ganz bildlich ist diese Geschichte. Für Petrus sind die Worte Jesu ein Stück Oberfläche. Da ist jemand, der vom Glauben an Gott erzählt – aber was hat das mit mir zu tun? So geht es auch Petrus, und Jesus lässt ihn das Boot steuern oder schlummern in seiner Oberflächlichkeit. Jetzt könnte die Geschichte zu Ende sein; man könnte sich den Ausgang auch so vorstellen: Jesus lässt sich wieder ans Land fahren, man verabschiedet sich, hat einen guten Eindruck voneinander gewonnen und geht auseinander. Wir gehen – zumindest zuu „normalen“ Zeiten – aus dem Gottesdienst nach Hause, nehmen vielleicht den Eindruck mit, lassen ihn in uns nachklingen. So geht ja nun auch die ganze Menge, die Jesus am Ufer gehört hat, nach Hause. Und Jesus lässt sie gehen; genauso soll es sein. Begegnung, Hören, Wahrnehmen,Aufmerksamkeit für eine Zeit, danach wieder Alltag. Das eine hat sein Recht wie das andere. In der Geschichte vom Fischzug des Petrus gibt es nun noch einen dritten Teil. Die Predigt Jesu ist zu Ende. Jesus sagt zu Petrus: Fahre hinaus, wo es tief ist und werft eure Netze zum Fang aus. Wo es „tief“ ist. Dort will Jesus nun mit Petrus hin. Nicht mehr die Worte an der Oberfläche, sondern nun geht es um Tiefe. Einer der großen Theologen des 20. Jahrhundert, Paul Tillich, hat den Begriff der „Tiefe“ aufgenommen und zum Schlüsselbegriff auf dem Weg zur Wahrheit gemacht. Er schreibt, auch für uns noch immer aktuell: „Das meiste in unserem Leben bewegt sich an der Oberfläche. Wir sind von Routine umgeben – in unserem Alltag, bei der Arbeit, beim Vergnügen, im Beruf und in der Entspannung… Wir sind in fortgesetzter Bewegung und machen nie Halt, um in die Tiefe zu stoßen…“ (Paul Tillich, In der Tiefe ist Wahrheit, Religiöse Reden. 1. Folge, Frankfurt a.M. 19828 , 54) Petrus macht Halt, wo es tief ist. Was er erfährt, sind keine neuen Worte. Was er erfährt, ist ein Augenblick der Fülle. Der Fang ist übergroß. Das ist eine Sprache, die er verstehen kann. Durch das Zeichen des übergroßen Fanges wird die Botschaft so gekleidet, dass er sie verstehen kann, weil sie ihn in seiner Existenz als Fischer betrifft. Für das Gesundwerden der Schwiegermutter war er dankbar, der Predigt über dem Wasser hat er mehr oder weniger zugehört, nun aber ist er selbst betroffen, weil er in seinem eigenen Leben angesprochen ist. Angesichts des übergroßen Fangs aus der Tiefe versteht auch Petrus: Was Jesus getan hat und was er gesagt hat, sind Zeichen der Fülle Gottes, Hinweise auf den unerschöpflichen Grund unseres Lebens. Als Jesus dem Petrus gebot, hinaus zu fahren, wusste er: dort auf der Tiefe des Sees wird Petrus verstehen, wer Gott ist. Gott wird für ihn übersetzbar in die Sprache seines Alltags hinein. Gleichzeitig wird dem Petrus seine bleibende Distanz zwischen ihm und Gott, der unerschöpflichen Fülle des Lebens, bewusst. „Geh weg, ich bin ein sündiger Mensch“, sagt Petrus, weil er sich dieses Ereignisses nicht würdig und gewachsen fühlt. Die Unsicherheit, die Distanz wird wiederum von Jesus her überbrückt. „Fürchte dich nicht“, sagt er. Das ist seine immer wieder besondere und große Zusage, die die Angst nimmt, die der Furcht die Ermutigung zum Vertrauen entgegen setzt. „Von nun an wirst du Menschen fangen“ sagt Jesus ihm. Menschen fangen – wir zögern bei diesem Begriff, denn es stellen sich uns die Gedanken von Unfreiheit ein. Aber für Gott „gefangen“ wird nicht mit Zwang oder Gewalt, sondern allein mit der Kraft der Liebe. Dazu braucht Jesus den Petrus. Dafür ruft er ihn in seine besondere Aufgabe hinein und in seine besondere Nähe, in den Kreis der Jünger um ihn. Liebe Gemeinde, wir haben von dem Beginn einer besonderen Freundschaft zwischen Jesus und Petrus gehört. Ist das eine Beispiel-Geschichte auch für unsere Freundschaft mit Jesus? Sollen auch wir zu „Menschen-Fischern“ werden? Nicht alle, die etwas Wunderbares mit Jesus erlebten, wurden anschließend seine engsten Jünger. Zu dem geheilten Gelähmten sagte er ausdrücklich: Geh heim. Und die zehn Aussätzigen kehrten, bis auf einen, zu ihren eigenen Dingen zurück. Ich nehme aus dieser Geschichte, dass Gott uns sagen und zeigen wird, wo wir gebraucht werden, wo unsere Aufgabe und was unsere Aufgabe sein wird. Es kann sein, dass auch wir im Alltag daran mitwirken sollen, dass immer mehr Spuren des Reiches Gottes auf dieser Erde erkennbar werden. Oder es ist unsere Aufgabe, eine ganz praktische Hilfe bei unserem Nachbarn zu sein. Immer aber sind wir gerufen, aufmerksam für die Fülle Gotteszu sein, die Fülle seiner Freundschaft und Liebe, die Fülle seiner Barmherzigkeit und seiner Gerechtigkeit für alle Tiefen und Untiefen unseres Lebens. So möchte ich die Tiefe dieser Geschichte mitnehmen in meinen Alltag und daraus Mut und Hoffnung schöpfen für die Freundschaft mit Jesus Christus und für die Freundschaft mit meinen Mitmenschen. Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen. Lied: eg 572,1-4 Herr, wir bitten: Komm und segne uns… So wünsche ich Euch und Ihnen allen eine gesegnete Woche: Gott segne dich und behüte dich – Gott lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig – Gott erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir seinen Frieden. Ame
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