Predigt Sexagesimä – 7. Februar 2021 – Mk 4,26-29
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen Liebe Gemeinde, wer in dieser Corona-Zeit einer Arbeit nachgehen kann, hat ein dadurch geregeltes Leben. Gewohnte und liebgewordene Tätigkeiten zum Ausgleich und um wieder Kraft zu bekommen sind aber weitgehend eingeschränkt. Kein Tavernen-Besuch mit Freunden, keine ausgiebige Feier in der Familie oder Nachbarschaft, kein Konzert oder Theater, kein zwangloses Shopping. Wenn man keine Arbeit hat, werden die Tage lang, und für viele schleicht sich Langeweile ein. Der normale Rhythmus des Lebens ist durch das Corona-Virus gestört. Die heutige Predigt geht von einem Gleichnis von Jesus aus, in dem dieser Rhythmus des Lebens auf eigene Weise thematisiert ist. Es steht im MarkusEvangelium im Zusammenhang einer Reihe von Reich-Gottes-Gleichnissen. Das ist es, worum es Jesus in allem geht, was er sagt und tut: Gottes Reich ist nahe. Gottes neue Welt, sein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit. Das Gleichnis „vom Wachsen der Saat“ thematisiert die Zeit zwischen Saat und Ernte und legt nahe, dem Wort Gottes genügend Raum zur Entfaltung zu lassen. Ich lese aus dem 4. Kapitel des Markus-Evangeliums die Verse 26 bis 29: 26 Und Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft 27 und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. 28 Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. 29 Wenn aber die Frucht reif ist, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da. Liebe Gemeinde, es ist faszinierend hier auf Kreta, wie nach langer Zeit der Trockenheit – man könnte meinen, dass alles verbrannt und abgestorben ist – im Spätherbst grüne Pflanzen aus dem Boden treiben und schnell zu dicken Büscheln heranwachsen. Und der Boden unter den Olivenbäumen wird grün durch den Klee, der jetzt bei Sonnenschein die gelben Blüten zeigt. Scheinbar aus dem Nichts wächst und grünt es. An einigen Stellen ist das sogar in der Stadt Heraklion wahrzunehmen. Und in den ersten Wochen dieses Jahres ist es besonders warm, so dass vieles wächst und blüht. Jesus konzentriert diese Erfahrung, die auch am östlichen Rand des Mittelmeers damals jedes Jahr zu bestaunen war, auf die mühsame Kultivierung des Bodens: Ein Mensch wirft Samen auf das Land. Weizen sät er in der Hoffnung, dass aus dem Samen die Pflanzen wachsen und Frucht bringen – neuen Weizen, der geerntet und gemahlen und zu Brot verarbeitet werden kann, auf dass die Ernährung gesichert ist. Weizen ist Grundnahrungsmittel. Zöliakie und andere Unverträglichkeiten oder Allergien waren nicht das Thema, über das Jesus reden wollte. Es ist auch nicht der Ort, über moderne landwirtschaftliche Produktionsweisen und Gen-Manipulation zu debattieren. Aber ich bin froh, dass die Versorgung mit Lebensmitteln in dieser Corona-Zeit funktioniert.Wenn der Mensch den Weizen ausgesät hat, so erzählt Jesus im Gleichnis vom Reich Gottes, dann geht dieser Mensch seinen ganz normalen Tätigkeiten nach, wacht und schläft Tag für Tag und Nacht für Nacht. Und nach Tagen und Wochen und Monaten geht der Same auf und es wächst scheinbar wie von selbst eine Pflanze heran, die Ähren bildet und die ersehnte und erhoffte Frucht bringt. Das natürliche Verhältnis von Schlafen und Aufstehen, Nacht und Tag, Sommer und Winter begegnet uns in unserem Gleichnis in einer ausgeglichenen Ruhe. Nicht das Hetzen von einem Termin zum anderen ist als Zielvorstellung angegeben, nicht der Stress, noch das eine oder andere Geschäft unter Dach und Fach zu bringen, immer mehr leisten, damit man sich immer mehr leisten kann, nicht ein neuzeitlicher Fortschrittsglaube, der alles für machbar, planbar, produzierbar hält, sondern ein ausgeglichener Wechsel der Lebensphasen: Einatmen und Ausatmen. Das gilt nicht nur für die allgemeinen Lebensbereiche; das gilt auch für die christliche Gemeinde. Immer mehr Aktionismus in der Gemeinde, immer mehr Aufgaben für die einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind kein Rezept für das Kommen des Reiches Gottes. Fast könnte man wohl sagen: Im Gegenteil! Ein geduldiges, ausgewogenes Leben mit dem natürlichen Rhythmus von Schlafen und Wachen, Nacht und Tag, Keimen und Wachsen scheint eher dem Reich Gottes zu gleichen! Das Gleichnis signalisiert, dass das Reich Gottes, das wunderbare Wirken Gottes eher unspektakulär, still, im Verborgenen geschieht. Vielleicht sogar dann, wenn wir schlafen! Vielleicht sogar, wenn wir uns in Corona-Zeiten nicht zum Gottesdienst in den Kirchen oder zu Gesprächskreisen versammeln können. Im Brief des Jakobus wird das geduldige Warten auf das Kommen des Reiches Gottes mit dem ähnlichen Vergleich in Beziehung gesetzt: „So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.“ (Jak 5,7) Liebe Gemeinde, Martin Luther hat in einer Predigt 1522, als es in seiner Gemeinde drunter und drüber ging, als der Reform-Eifer vieler überhand nahm und vor lauter Aktivismus, das Reich Gottes bauen zu wollen, vieles zerstört wurde, was über Jahrhunderte gewachsen war, folgendes gesagt: „Ich habe allein Gottes Wort getrieben, gepredigt und geschrieben, sonst habe ich nichts getan. Das hat, wenn ich geschlafen habe, wenn ich wittenbergisch Bier mit meinem Philippus und Amsdorf getrunken habe, so viel getan, dass das Papsttum schwach geworden ist, dass ihm noch kein Fürst noch Kaiser so viel abgebrochen hat. Ich hab nichts getan, das Wort hat alles gehandelt und ausgerichtet.“ [zitiert nach Gerhard Sauter, in: GPM 53 (1998), 123.] Selbstverständlich hat Luther sehr viel gearbeitet und nicht nur geschlafen oder mit seinen Freunden Bier getrunken. Aber das Evangelium hat seine Wirkung selbst entfaltet. Diese feine Unterscheidung zwischen dem, was wir Menschen tun können und sollen, und dem, was Gott tut, ist wichtig. Wir Menschen sollen uns wesentlich auf Gottes Wort besinnen, es weitersagen, wann und wo wir Gottes wunderbares Wirken erfahren, und darauf vertrauen, dass Gott eine reiche Ernte schenkt, wo wir mit bloßem Auge noch nichts erkennen können.Liebe Gemeinde, wenn ich diese Gedanken entfalte, muss ich doch auch einen weiteren hinzusetzen. Das Gleichnis von der „selbstwachsenden Saat“, wie es früher überschrieben wurde, scheint den Menschen in Tatenlosigkeit, in Passivität zu führen: Das Reich Gottes breitet sich aus, während wir nichts tun oder schlafen. Ich denke aber, Jesus vermittelt uns in diesem Gleichnis etwas anderes als Passivität. Während das Reich Gottes keimt und wächst wie eine ausgestreute Saat, kann sich der Mensch dem Rhythmus des Lebens anvertrauen und sich den alltäglichen Dingen zuwenden: er lacht und weint, bewältigt seine Aufgaben, vermittelt Kindern Mut zum Leben und steht Alten in ihrem Sterben bei. Er beobachtet voller Staunen und in großem Vertrauen das Keimen und Wachsen. „Er weiß nicht, wie“ das Keimen und Wachsen zu erklären sind, aber die Saat geht auf. „Von selbst“, also wie automatisch wächst das Reich Gottes. Es wächst über Nacht, ohne dass der Mensch dafür einen Finger krümmt. Das Gleichnis sagt, dass das Reich Gottes nicht herbei zu leisten ist! Es kommt, wenn die Zeit reif ist. Ihr könnt derweil ganz gelassen eurem Leben nachgehen und auch die Beschränkungen, die das Corona-Virus verursacht, aushalten. Mit dem Reich Gottes verhält es sich wie mit einer Saat, die gesät ist und nun wie von selber wächst. Liebe Gemeinde, es hängt nicht alles von meiner und deiner eigenen Kraft ab. Gewiss, unsere Tatkraft, Kopf und Hand, Sinn und Verstand sind uns von Gott gegeben, und damit wirken wir in Arbeit und Freizeit, im öffentlichen Leben und in der Familie und unter Freunden. Aber das Reich Gottes erschafft Gott selber: durch mich und dich, aber auch ohne mich und dich und manchmal sogar trotz meiner und deiner Bemühungen. Ruhe und Schlaf sind nicht besser als Arbeit und Mühe. Aber der Schlaf ist ein Sinnbild dafür, dass wir Menschen Grenzen haben und uns am Ende unseres Lebens nicht mehr zur Arbeit bewegen werden. Wir müssen nicht alles schaffen, sondern können darauf vertrauen, dass Gott auch dann wirkt und neues Leben schenkt, wenn unsere Kraft am Ende ist. Amen Und der Friede Gottes, der größer ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen Helmut Schwalbe, Pfr.i.R
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