Liebe Leserinnen und Leser,
als ich am Mittwoch über „Zoom“ mit einigen aus der Gemeinde im Gespräch über das Epiphanias Fest war, habe ich darauf hingewiesen, dass Epiphanias, das älteste terminlich festgelegte Fest der Christenheit, als das Fest der erschienenen Herrlichkeit Gottes gefeiert wurde, verbunden mit den biblischen Überlieferungen von der Anbetung der Weisen aus dem Morgenland (Mt 2,1-12), von der Taufe Jesu (Mt 3,13-17) und von der Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-11). In unserem evangelischen liturgischen Kalender sind diese Evangeliums-Texte für Epiphanias sowie die ersten beiden Sonntage nach Epiphanias vorgesehen.
So gebe ich heute einige Gedanken zum Bericht über die Taufe Jesu zu lesen (Mt 3,13-17):
- Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich vonihm taufen ließe.
- AberJohannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?
- Jesusaber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s ihm
- Undals Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen.
- Undsiehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen
Jesus hat zum Beginn seines öffentlichen Wirkens als Mensch-gewordener Sohn Gottes ein besonderes Zeichen gegeben: Er hat sich in die Gemeinschaft der sündigen Menschen gestellt, die sich von Johannes dem Täufer taufen ließen und damit das Zeichen der Bereitschaft zur Lebens-Änderung gaben. Jesus wehrte damit eine Rolle ab, in der er als Sohn Gottes distanziert von den Menschen hätte wirken sollen. Nein, der Sohn Gottes ist nicht ein weit entfernter Gott, sondern Mensch. Jesus zeigt: Ich bin wahrhaftig Mensch und ich möchte wie ein Mensch handeln und behandelt werden. Mit diesen Gedanken sind wir mitten in der Auseinandersetzung der Christen in den ersten Jahrhunderten, die ihre Fragen klären mussten: Wie ist es zu verstehen, dass Gottes Sohn Jesus wahrhaftig Gott und gleichzeitig wahrhaftig Mensch ist? Hier gab es harte Auseinandersetzungen, die mit dem Beschluss auf dem Konzil zu Chalcedon 451 zwar einen dogmatischen Schlusspunkt erhielten, aber bis heute nicht für alle Christen völlig geklärt sind. Auf diesem Konzil bekräftigten die Beteiligten, dass Jesus als wahrer Mensch und wahrer Gott „in zwei Naturen unvermischt, unveränderlich, ungetrennt und unteilbar erkannt wird“. In dem Abschnitt von der Taufe wird deutlich, dass Jesus keine Distanz zu den Menschen akzeptiert – auch nicht zu Johannes dem Täufer, der sich so viel niedriger einschätzt als Jesus und ein paar Verse vorher sagt: „Ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen.“ Jesus macht in seiner Eigenschaft als Sohn Gottes klar, dass er ebenso auf die menschliche Stufe gehört.
Bevor Jesus vom Geist in die Wüste geführt wird, lässt er sich taufen. Derselbe Geist, der ihn in die Wüste führt, wo er versucht wird, fährt bei der Taufe vom Himmel herab und kommt über Jesus. Die Taufe stärkt ihn, der Versuchung standzuhalten. Die Taufe gehört zu den Wegmarkierungen in der Epiphaniaszeit. Die Herrlichkeit Gottes wird offenbar. Christus wird zur Rechten Gottes sitzen und als Weltenrichter Recht sprechen und für Gerechtigkeit sorgen. Wird Weihnachten die Geburt Gottes in Gestalt des in Armut geborenen Kindes in der Krippe gefeiert, so wird an Epiphanias die Herrlichkeit Gottes betont. In der Geschichte von der Taufe Jesu wird Jesus öffentlich als Sohn Gottes proklamiert.
Bedenken wir den Text aus dem Matthäus-Evangelium etwas genauer: Johannes der Täufer ist ein weithin bekannter Bußprediger. Er hat scharfe Worte für die Gläubigen. Die frommen Juden können sich nicht auf ihre Erzväter berufen und sich damit beruhigen, dass sie in dieser Tradition stehen. Auf die Früchte ihres Glaubens kommt es an. Johannes der Täufer fordert die Menschen seiner Zeit auf, Buße zu tun, denn das Himmelreich, die Endzeit und das Gericht, sind nahe. Sie sollen ihre Sünden bekennen, sich bekehren, ablassen vom unrechten Weg. Wer dazu bereit ist, der wird vom ihm getauft. Der Taufe durch Johannes geht ein Sündenbekenntnis voraus. Jesus, der ganz in der jüdischen Tradition aufgewachsen ist, geht zum Jordan zu Johannes genauso wie die Menschen, die dort ihre Sünden bekennen. Bevor Jesus anfängt zu wirken, will er sich von Johannes taufen lassen. Johannes wehrt ab. Wir brauchen uns überhaupt nicht darüber zu wundern, dass Johannes verwirrt ist und Jesus eigentlich nicht taufen will. Er versucht, Jesus zurückzuhalten, als er in das Wasser steigen will, und sagt: in Wirklichkeit bin ich es doch, der von dir getauft werden müsste, und da kommst du, Sohn Gottes, zu mir. Ich, der ich dir nicht einmal bis an die Kniekehlen reiche, sollte dich taufen? Es müsste doch umgekehrt so sein, dass du, der Reine, mich, den Unreinen, taufst. Oder mit anderen Worten: warum willst du nicht die Rolle übernehmen, die dir zugedacht ist: nämlich Gott zu sein? Aber Jesus sagt nein; denn seine Rolle ist eine andere; darum sagt er: „Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ Alle vier Evangelisten berichten von der Taufe Jesu, aber Matthäus ist der einzige, der einen Dialog überliefert. Jesus bestärkt Johannes, die Taufe zu vollziehen. „Lass es jetzt geschehen.“
Taufe wird mit Gerechtigkeit in Verbindung gebracht. Gerecht ist, wer die Gebote Gottes, so wie sie in der Tora überliefert sind, befolgt. Wer die Taufe durch Johannes begehrt, hat die Erkenntnis, dass er gesündigt hat. Er ist bereit, Buße zu tun und umzukehren. Die Taufe ist ein sichtbares Zeichen für einen Neuanfang. Durch die Taufe ist der Täufling von seinen Sünden gereinigt. Als neuer Mensch taucht er wieder aus dem Wasser auf. Seine Sünden sind ihm abgewaschen. Jesus ist aber von vorneherein der Mensch ohne Sünde. Muss er sich überhaupt taufen lassen? Er ist ja schon rein. Jesus erfüllt alle Gerechtigkeit. Er vollzieht hier in der Taufe durch Johannes als der Reine ein für alle Mal die Umkehr, stellvertretend für alle, so wie er am Kreuz zur Vergebung der Sünden für alle gestorben ist. Jesu Taufe verweist auf seinen Tod. Mit Jesus ist das Gesetz Gottes, die Tora, nicht aufgehoben, sondern erfüllt. Alle Gerechtigkeit bezieht sich auf alle Gebote Gottes der Tora. Jesus hat alle Gebote erfüllt, indem er sich ganz dem Willen Gottes hingibt.
Es sind also nicht einfach schön klingende Worte: „Lass es jetzt geschehen.“ Es ist echte Solidarität mit unserem Leben, und diese Solidarität lebt er bis zum Kreuz und lebt sie weiter über jeden Tod hinaus. Aus diesem Grund der Solidarität mit uns Menschen will er an jenem Tage im Jordan getauft werden.
Als Jesus aus dem Wasser heraussteigt, öffnet sich der Himmel über ihm und Gott selbst sagt: Dies ist mein lieber Sohn! „Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ (Verse 16-17)
Jesus wird der Himmel geöffnet. Jetzt geht die Bewegung von oben nach unten, nachdem sie zuvor von unten nach oben ging. Dadurch, dass Jesus sich taufen lässt, nimmt er seine Sendung an. „Siehe“ lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was jetzt geschieht: Der Himmel tut sich über Jesus auf. Göttliches wird offenbar. Der Geist Gottes kommt wie eine Taube aus dem Himmel herab. Die Taube ist ein Bild für Reinheit (vgl. Mt 10,16). Tauben werden als Opfertiere für Reinigungsrituale verwendet (vgl. 3. Mose 12,6ff.). Der göttliche Geist ist von Anfang an da. Er schwebt über den Wassern, bevor Gott die Welt erschuf. Dieser Geist Gottes von Ewigkeit zu Ewigkeit findet zielgerichtet den Weg zu Jesus.
Ein zweites „Siehe“ hebt die Bedeutung dessen hervor, was jetzt kommt: Eine Stimme vom Himmel spricht. Es ist die göttliche Stimme, die vernommen wird. Zum Sehen kommt das Hören. „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Die Stimme richtet sich – anders als im Markus- und Lukas-Evangelium – nicht an Jesus, sondern an alle, die bei der Taufe dabei sind. Neben Johannes dem Täufer sind das alle anderen, die zu Johannes gekommen sind, um sich taufen zu lassen. Ihnen eröffnet sich ein Himmelsereignis. Jesus wird als der Sohn Gottes proklamiert. Dass er der geliebte Sohn ist, zeigt sich jetzt vor den Augen der Welt. Er ist der Auserwählte, an dem Gott Wohlgefallen hat, dem er seinen Geist gegeben hat, der das Recht zu den Völkern bringt. Jesus ist der erwartete Messias, so wie er schon beim Propheten Jesaja angekündigt wird (Jes, 42,1ff). In der Taufe wird die Messianität Jesu ausgerufen. Der messianische König ist zugleich der Leidende, der Heil und Leben bringt, ein Gerechter, ein Retter und Richter.
Ist die Taufe für uns Christinnen und Christen überflüssig geworden, wenn durch Jesus das Gesetz erfüllt ist? Ist es noch nötig, dass wir unsere Kinder zur Taufe bringen? Hat Jesus doch ein für alle Mal für unsere Sünden vollkommen bezahlt! Wenn Jesu Taufe gewiss etwas anderes bedeutet als unsere Taufe, so ist unsere Taufe dennoch nicht überflüssig. In der Taufe wird uns unverbrüchlich Gottes Liebe und Vergebung persönlich zugesagt. Für uns ist es gut, dieses äußerliche Zeichen zu haben, das für einen inneren Vorgang steht. Die Taufe ist eine Liebeserklärung Gottes an uns. Es ist auch gut und sinnvoll, Kinder zu taufen, obwohl sie noch nicht erfassen können, um was es geht. Bevor ein Mensch etwas tun kann, bevor er glauben und entscheiden, ja oder nein sagen kann, ist Gott schon da mit der Entscheidung für uns. Gott kommt uns mit seiner Gnade zuvor. Er sagt auch zu jeder und jedem von uns: Du bist mein lieber Sohn, du bist meine liebe Tochter, an dir habe ich Wohlgefallen.
Selbst wenn wir uns nicht mehr an unsere eigene Taufe erinnern können, so wissen wir doch darum und können uns darauf berufen. Wir erleben nicht nur gute und glückliche Tage, wir erleben auch Dunkelheiten und Tiefen. Wir geraten in Anfechtung und fragen nach dem Sinn des Lebens. Wir können hin und her gerissen werden, der Boden droht uns manchmal unter den Füßen verloren zu gehen, wir wissen oft nicht mehr ein noch aus und zweifeln an uns selbst, verlieren jegliches Vertrauen. Die Taufe kann zu einem Licht in der Dunkelheit werden. Sie vergewissert uns der Zuwendung und Barmherzigkeit Gottes. Sie ist uns ein sicheres Zeichen, dass Gott an unserer Seite steht und uns nicht fallen lässt. Sie stärkt uns, Anfechtungen standzuhalten und Versuchungen zu widerstehen, die an uns herangetragen werden. Die Zusage „Gott hat an dir Wohlgefallen“ gibt ein stabiles Fundament, verschafft Sicherheit und Geborgenheit. Nach seiner Taufe führte Jesu Weg in die Wüste, den Ort der Kargheit und Bewährung. Auch uns ist nicht dauerndes Glück und immerwährender Erfolg versprochen, aber wir sollen wissen, dass Gott uns nicht verlässt. Wir sind getauft, wir sind uns seiner Gnade gewiss. Die Taufe stellt uns sichtbar vor Augen, wie groß die Liebe Gottes ist. Sie ist Licht in der Nacht. Sie bringt Hoffnung und Zukunft, ist Trost und Kraft in Bedrängnis und Ängsten. Die Herrlichkeit Gottes wird in der Taufe offenbar.
Für fast alle christlichen Kirchen in der weltweiten Ökumene gilt die Taufe mit Wasser im Namen oder auf den Namen des dreieinigen Gottes als Akt der Eingliederung in den einen Leib Christi und damit in die Gemeinschaft der einen Kirche. Da „die Kirche“ nur in geschichtlichen Kirchen-Organisationen existiert, erfolgt die Aufnahme konkret in eine Konfessionskirche.
Der Gebrauch des Wassers bei der Taufe erinnert sowohl an die Rettung der Schöpfung aus der Sintflut als auch an die Bewahrung des Volkes Gottes beim Durchzug durch das Schilfmeer. Ohne Wasser ist menschliches Leben nicht möglich; Gott wäscht ein für allemal die Sünde ab; Gott rettet aus Not und aus dem Tod. Das alles bedeutet das Wasser bei der Taufe.
Die christlichen Gemeinden haben von Anbeginn getauft – auf den Namen Jesu Christi bzw. auf den Namen des dreieinigen Gottes (vgl. Mt 28,18-20).
Die meisten Kirchen akzeptieren die Taufe in den jeweils anderen Kirchen. Bei Übertritten wird nicht noch einmal eine Taufe vollzogen. Das ist uns in der evangelisch-Lutherischen Kirche besonders wichtig: Glaube und Taufe gehören zusammen in der Gnade und dem Wirken Gottes. Darum taufen wir kleine Kinder, weil Gottes Gnade unabhängig von unserer glaubenden Zuwendung zu Gott von vorneherein und für immer wirksam ist.
Liebe Leserinnen und Leser, die Erinnerung an die Taufe Jesu möge uns die Erinnerung an unsere eigene Taufe wach halten und uns in dem Vertrauen stärken, dass Gott uns mit seiner Liebe und Barmherzigkeit immer begleitet.
Amen
Helmut Schwalbe, Pfr.i.R.
10. Januar 2021.
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