Liebe Leserinnen und Leser,
wie schön wäre es, mal wieder ausgelassen und mit vielen Menschen ohne Abstand und Gesichtsmaske feiern zu können! Oftmals wünschen sich feier-freudige Menschen, sie könnten aus Wasser Wein machen. In solchen Zusammenhängen wird wohl keine biblische Geschichte häufiger erwähnt als die Wundergeschichte von der Hochzeit zu Kana. Diese Geschichte gehört zu den allerbekanntesten Abschnitten der Bibel.
Dabei sehen manche voller Hochachtung auf das Wunder der Wandlung von Wasser in Wein – und sehen sich in ihrer Freude über alkoholische Getränke durch Jesus bestärkt.
Andere beschleicht leise Skepsis: Sollte Jesus wirklich keinen Blick für die Gefahren des Alkohols gehabt haben? Unter Alkohol-Kranken ist der Sinn dieser Geschichte zumindest umstritten.
Heute haben wir die Gelegenheit, uns mit dieser wunderbaren Geschichte aus dem Johannes-Evangelium ausführlicher zu befassen (Joh 2,1-11):
Am dritten Tage war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.
- Undals der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein
- Jesusspricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.
- SeineMutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das
- Esstanden aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße.
- Jesusspricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis
- Under spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s ihm.
- Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nichtwusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten, ruft der Speisemeister den Bräutigam
- und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunkensind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten.
- Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und eroffenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.
Liebe Leserinnen und Leser, auf den ersten Blick scheint dieses Wunder wenig sinnvoll. Es ist wohl auch kein Wunder des Neuen Testaments so oft angezweifelt worden wie dieses. Warum? Nicht deshalb, weil es nicht möglich wäre. Es ist so möglich oder unmöglich wie alle anderen Wunder. Aber es scheint sinnlos zu sein. Wenn ein Blinder sehend oder ein Gehörloser hörend wird, hat das Sinn; das ist ein Zeichen für das Erbarmen Gottes. Aber dass eine Hochzeitsgesellschaft Wein bekommt… wozu eigentlich?
Ob wir doch einen tieferen Sinn finden? Zuerst können wir die Geschichte lesen als spannende Erzählung einer peinlichen und dann doch überraschend freudigen Situation einer Hochzeitsfeier: Das Dorf Kana in Galiläa ist ein kleiner unbedeutender Ost westlich des Sees Genezareth. In diesem Ort feiert man gerade Hochzeit. Sind es 100 oder gar 200 Personen? Die Erzählung beschränkt sich auf Andeutungen. Bis heute werden Hochzeiten im Mittelmeerraum gerne groß gefeiert. Dass allerdings sechs Steinkrüge für die rituelle Reinigung vorhanden waren und auch ein Speisemeister beauftragt war, deutet an, dass hier ein großes Fest gedacht ist. Erwähnt wird, dass sich Jesus und seine Freunde sowie auch seine Mutter auf der Feier befinden. Übrigens wird der Name der Mutter von Jesus im Johannes-Evangelium nirgends erwähnt. Dann wird uns die Situation vorgestellt, die bis heute jeden Gastgeber peinlich berührt: Der Wein ist ausgetrunken, kein Vorrat mehr da, kein Laden offen zum „schnell mal was holen“. Die Mutter Jesu denkt praktisch, wie die meisten Mütter: sie rollt symbolisch den roten Teppich aus und will ihren Sohn Jesus in Szene setzen: Sie traut ihm eine Lösung des Problems zu. Selbst als Jesus sie deutlich abweisend in ihre Schranken weist, bleibt sie nicht still, sondern hebt ihren Sohn in den Rang des Hausherrn: Was er an Anweisungen gibt, soll befolgt werden. Man kann hier schon entdecken, wie die Worte über die Wundergeschichte hinaus ragen: „Was er euch sagt, das tut!“ Dieser Satz klingt wie die Aufforderung des Evangelisten für das ganze Leben. Im Tun des von Jesus Gesagten liegt das Heil für das Leben.
Wie in jeder Wundergeschichte wird dann der Blick auf das Wunder Geschehen gerichtet. Sechs Steinkrüge werden auf das Wort Jesu hin mit Wasser randvoll gefüllt „bis obenan“. Eine Menge Wasser: ein hier genanntes Maß sind knapp 40 Liter. In jeden Krug gingen zwei bis drei Maß, also rund 100 Liter. Bei sechs Krügen sind das 600 Liter.
Spannungsvoll zwischen Wissen und Nicht-Wissen wird die Szene vorgestellt, in der aus den Wasserkrügen geschöpft und dem Speisemeister zum Probieren gereicht wird. Jetzt schmeckt der Speisemeister nicht Wasser, sondern Wein, sehr guten Wein, von weitaus besserer Qualität als der bisher auf dem Fest ausgeschenkte. Eigentlich viel zu schade für die schon angetrunkenen Festgäste. Doch kann nun das rauschende Fest mit bestem Wein bis zum Vollrausch fortgesetzt werden. 600 Liter Wein! Dem Wundertäter Jesus sei Dank! Er lässt auch fröhlich feiernde Menschen nicht aus dem Blick. Ein deutscher Theologie-Professor hat geschrieben: „Allen verklemmten Moralisten und unfrohen Asketen zum Trotz wird in dieser Geschichte das Verlangen nach Lebensfreude, die im Weingenuss zum Ausdruck kommt, positiv aufgenommen und ihm Erfüllung verheißen.“
Doch mit dieser Sicht auf die wunderbare Geschichte von der Wandlung des Wassers in Wein auf der Hochzeit zu Kana möchte ich diesen Abschnitt nicht beiseite legen. Da muss doch noch mehr zu entdecken sein – und es ist noch eine Menge Spannendes zu entdecken:
Aus anderen Zusammenhängen wissen wir, dass im Johannes-Evangelium alles mit viel Sinn-Bedeutung angeordnet ist. Da lesen wir zu Beginn unseres Abschnittes „Am dritten Tag“ – natürlich denken viele sofort an das Glaubensbekenntnis: Am dritten Tage auferstanden von den Toten. Ostern als das Fest der Überwindung des Todes, als Fest des Lebens über jedes Dunkel hinaus ist angedeutet. Die Zeit des Heils ist „am dritten Tage“ angebrochen.
Doch auch die folgende Bedeutung des dritten Tages können wir denken: in der jüdischen Zählung der Wochentage hat nur der siebte Tag einen Namen, Sabbat. Der dritte Tag ist im Deutschen der Dienstag, und in Israel und im Judentum ist dieser Tag ein beliebter Hochzeitstag. Ob dieser Tag schon damals zur Zeit Jesu so eng mit Hochzeiten verbunden war, ist allerdings nicht sicher.
Mich lässt als zweites aufmerken, dass die Wasserkrüge, die für die rituelle Reinigung bereit stehen, für das Wandlungswunder verwendet werden. Die Anwesenheit dieser Krüge zeigt eine tiefe Frömmigkeit und das Bewusstsein, auch in der Feier einer Hochzeit vor dem heiligen Gott zu stehen und den Lebensweg auch im Alltag vor ihm zu verantworten. Darum kennt das Judentum bis heute die Praxis ritueller Waschungen vor allem der Hände.
Doch in der Wandlung des Wassers in Wein steckt die Umwertung des jüdischen Rituals. Aus den Krügen jüdischer Frömmigkeit ist nichts mehr zu holen. Das Wasser menschlicher Frömmigkeit wird verwandelt in den Wein: das ist Zeichen der geschenkten Lebensfülle. Die Armut des Wassers und der Reichtum des Weins sind allerdings in der Kirche seit je her eng miteinander verwoben; denken wir nur an Taufe und Abendmahl…
Eine dritte Beobachtung, die mir eine weitere Bedeutung der Wundergeschichte erschließt: Als der Speisemeister dem Bräutigam den Vorwurf macht, er habe den guten Wein zurückbehalten, heißt es: „du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten“.
In jüdischen und frühchristlichen Texten ist eine unvorstellbare Überfülle von Wein ein Kennzeichen der messianischen Zeit, also der Erfüllung der Heilszeit Gottes. In diesem „Jetzt“ liegt der Schlüssel des Verständnisses: Jetzt und in diesem Zeichen der Wandlung des Wassers in eine kaum vorstellbar große Menge Wein ist die Heilszeit in Jesus Christus erkennbar. Durch dieses Zeichen offenbart Jesus sich als der Messias, der die Heilszeit bringt. So ist er gleichzeitig der Bräutigam der endzeitlichen Hochzeit, zu deren Feier alle eingeladen sind und für die wir uns, wie die klugen Jungfrauen im Gleichnis, bereit halten sollen.
Insofern ist das Resümee des Evangelisten im letzten Vers unseres Abschnittes verstehbar: „Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit.“
So ist unser Abschnitt nicht nur eine wunaderbare Geschichte von schier unglaublicher Wandlung des Wassers in Wein, erfüllter Traum ungezählter Gastgeber und Gastwirte, sondern Zeichen der Herrlichkeit Gottes in Jesus Christus, die menschliche Antwort sucht. Am Ende wird von den Jüngern gesagt: „Und seine Jünger glaubten an ihn.“
Durch die Bemerkung „Meine Stunde ist noch nicht gekommen“ in der Antwort Jesu auf das Ansinnen seiner Mutter ist die Andeutung des Leidens und Todes Jesu gegeben. Leidvolle Wirklichkeit wird also nicht illusionär übersprungen; aber gegen Leiden und Qual wird hoffnungsvoll erzählt von dem Wunder des Sattwerdens und der Rettung, von der Gemeinschaft und Freude mit Brot und Wein, genug und im Überfluss. Diesem Glauben vertrauen sich die Jünger an, diesen Weg wollen sie mitgehen und erhalten ein Zeichen der Stärkung sozusagen als Wegweiser.
Ich entdecke für mich in dieser Geschichte, dass Jesus als lebendiges Zeichen der Herrlichkeit Gottes Lebensfreude und Lebensfülle schenkt. Das ist bis jetzt gültig. Diesen Weg der Freude möchte ich glaubensvoll mitgehen.
Amen.
Helmut Schwalbe, Pfr.i.R.
Lesepredigt zum 17. Januar 2021
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